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Magazin

 

 

Peter Michel

Worte zur Eröffnung der Ausstellung

Walter Womacka. Druckgrafik und Malerei aus fünf Jahrzehnten

am 8. Dezember 2006 im RuDi-Nachbarschaftszentrum

 

..., lieber Walter,

Als ich vor zwei Jahren deine Doppelausstellung in Eisenhüttenstadt und Beeskow eröffnet hatte, erschien kurze Zeit danach deine Autobiographie Farbe bekennen. Der Bürgermeister von Eisenhüttenstadt, Rainer Werner, der dir die Eintragung ins Goldene Buch dieser Stadt wegen deiner Verdienste um die künstlerische Gestaltung von Straßen und Gebäuden angetragen hatte, bekam nach dem Erscheinen dieses Buches kalte Füße und verweigerte dir plötzlich diese Ehrung. Damals wirbelte das ziemlichen Staub auf. Du hast, lieber Walter, auf diesen Vorgang gelassen reagiert und der Stadt deine Entwürfe für die Wandbilder geschenkt. Die Geschichte dieser Stadt war dir wichtiger als die Entscheidung eines Bürgermeisters.

In Berlin lief das ein wenig anders. Bei deiner letzten großen Geburtstagsfeier in der Kongresshalle am Alexanderplatz ließ es sich der Bürgermeister des Stadtbezirks Mitte nicht nehmen, dich zu ehren. Deine liebevoll »Bauchbinde« genannte große, umlaufende Wandgestaltung am Haus des Lehrers wurde aufwändig restauriert. Sie prägt das Zentrum des Berliner Ostens mit. Kunst kommt von Können und Künden. Das Wandbild zeugt vom Denken und von den Erfahrungen in einer konkreten historischen Periode, und es wirkt zugleich als städtebauliches, ästhetisch wichtiges Element.

Aber es gibt, lieber Walter, auch das schlimme Erlebnis der Zerstörung deiner großartigen Wandbilder beim Abriss des ehemaligen Außenministeriums der DDR, einen Akt des Vandalismus, der bei gutem Willen zu vermeiden gewesen wäre. Aber dieser Wille war politisch nicht vorhanden. Und so teilst Du mit vielen anderen Künstlerkollegen die bittere Erfahrung des Nichtachtens künstlerischer Mühen, die Teil der Abwicklung schöpferischer Arbeit ist, auch Teil der Deutungshoheit, die uns nach dem Fall der Mauer auch über unsere eigene Vergangenheit genommen werden soll. Diese Reflexionen verderben uns nicht die Freude an der Ausstellung, die wir heute eröffnen. Die Sympathie, die du heute wieder erlebst, ist in Jahrzehnten Deines Wirkens gewachsen. Dein Werk und deine Haltung sind Teil unserer Vergangenheit und Gegenwart. Eine Geschichte der deutschen Kunst unserer Zeit wird bei gutem Willen und bei objektiver Deutung ohne deine Werke nicht zu schreiben sein.

Liebe Freunde!

Ein bis ins Tiefste verinnerlichtes künstlerisches Handwerk, eine starke dekorative Begabung, die zur Steigerung der malerischen Intensität genutzt wird, die Sicherheit seines Stilgefühls und vor allem sein Bemühen, mit seiner Kunst nicht abzuheben, sondern seine subjektive künstlerische Sprache für Botschaften an die Betrachter zu nutzen, die auch verstanden werden — alles das kennzeichnet sein Schaffen von Anfang an. Wie bei den meisten Künstlern ist es auch bei ihm: Kunst entwickelt sich nicht allein als individueller Reflex auf die Wirklichkeit, sondern auch aus anderer Kunst. Walter Womacka schöpfte aus dem reichen Fundus der frühen Moderne, aus Fauvismus, Kubismus, Expressionismus und Surrealismus und bildete auf diesem Wege seine eigene, unverwechselbare Handschrift heraus. Zu den wichtigen Gruppen seines Gesamtwerkes gehören zum Beispiel die Strandbilder, in denen sich seine Weltsicht, seine Erfahrungen und einzelnen Schaffensperioden manifestieren. Sein Bild Am Strand von 1962 ist eine lebensbejahende, zukunftsoffene Darstellung eines jungen Paares, die sich großer Beliebtheit erfreute. Die seit Anfang der siebziger Jahre entstandenen Strandbilder, gewinnen an inhaltlicher Komplexität, relativieren den anfänglichen Optimismus und stellen ihn kritisch in Frage. Dunkle Wolken, nahende Unwetter symbolisieren — wie zum Beispiel auch in seinen Städtebildern — Unruhe und Bedrohung. Diese Zeichen einbrechender Gewalt — Flugzeuge, die wie Killerhaie den Himmel bevölkern, ein Atompilz, getötete Strandtiere, Autoreifen, Zeitungsfetzen — thematisieren menschliche Ratlosigkeit, Blindheit angesichts von Verwüstungen, Misstrauen gegenüber einer scheinbaren Idylle, Bedrückung vor einer sich anbahnenden Katastrophe. Solche Gemälde sind drastische Appelle an die menschliche Vernunft, vorgetragen von einem Künstler, dessen Werk vorwiegend Schönheit und Hedonismus mit Natur- und Menschendarstellungen verbindet.

Das Gemälde Am Strand von 1962, das auf der V. Deutschen Kunstausstellung bei Umfragen die höchste Zustimmung erhielt, das wohl das am häufigsten reproduzierte Gemälde zu DDR-Zeiten war, das teilweise heute noch als Kunstdruck in Wohnungen und Schulfluren hängt, gehörte in der DDR zu den populärsten Werken. Walter Womacka malte es ohne Furcht, der Schönfärberei und des Illustrativen bezichtigt zu werden. Es drückt ein Lebensgefühl und eine Poesie aus, für die viele Menschen aufgeschlossen waren und immer noch sind. Heute wird es von gewissen Schreibern sogar in die Nähe der Nazi-Kunst gerückt und als von Optimismus triefende Idylle, schließlich sogar als Kitsch bezeichnet. Für mich und für viele von uns war es ein wichtiger Versuch, in einer Zeit kollektiver Glücksvorstellungen dem individuellen Glück seinen Platz zu geben. Schließlich steckt in diesem Gemälde mehr Lebenswahrheit als beispielsweise in den infantilen Bilderlügen und falschen Glücks Verheißungen heutiger Werbung.

Einen wichtigen Platz in Walter Womackas Werk nehmen Stierdarstellungen ein. Eine von ihnen —Verwundeter Stier von 1997, das in mehreren Fassungen existiert — steht paradigmatisch für die geistige und künstlerische Haltung, wie sie für ihn in dieser aktuellen Phase charakteristisch ist. In einem spannungs- und widerspruchsvollen Bildaufbau fügen sich dominierende Formen und symbolträchtige Details zu einer Komposition, die die ganze Tragweite des gesellschaftlichen Umbruchs unmittelbar erlebbar macht. Eine zerfetzte Zeitung mit einem Foto Gorbatschows ist zu sehen, in einer wild bewegten Zuschauermenge das Porträt Che Guevaras, eine Coca-Cola-Werbung, der Tanz um das Goldene Kalb, Zeichen der Vermarktung von Liebe und Sexualität, eine Gruppe bewaffneter Polizisten. Im Zentrum aber drängt sich keilförmig ein Stier unserer Blickrichtung entgegen. Er kämpft nicht mehr und gibt sein Leben auf. Noch steht er. Unter den Banderillas strömt Blut aus seinem Nacken. Maul und Nüstern triefen. Die Muleta reizt ihn nicht mehr. Der Tod wird ihm zur Erlösung. Schwer und schwarz wartet er auf den Degen, den ihm der Espada frontal zwischen die Schulterblätter stoßen wird. Die gesichtslose Masse hinter der sicheren Bande der Arena tobt. Aus der Erinnerung steigt Picassos »Guernica« auf. Dort erhebt sich ein Stier wie ein schützender Fels über einer verzweifelt schreienden Mutter, in deren Händen ein totes Kind hängt. Seit 1937, als die deutsche Legion Condor in der heiligen Stadt der Basken 1.645 Menschen zu Tode bombardierte und Picasso im Auftrag der spanischen republikanischen Regierung für die Pariser Weltausstellung sein Monumentalgemälde schuf, hat der Stier seine vorwiegend mythische Bedeutung erweitert; er wurde zum Topos für ein verletztes, aber nicht erniedrigtes Volk. Und Walter Womacka griff genau 60 Jahre später wieder zu diesem Zeichen.

Ein solch nachdenklicher, bis zur Bitternis reichender Grundton liegt über vielen Arbeiten, die in den siebziger Jahren und danach entstanden. Wie in früheren Jahrzehnten bietet Walter Womacka uns — in den Stillleben, Landschaften, Blumenbildern, Reiseimpressionen, Akten und Porträts — ein Fest für das Auge. Doch vieles weist nun stärker in ein leises Erschrecken, in Nachdenklichkeit über Gefährdungen, über das Scheitern von Hoffnungen — und in direkte, für sehende Augen und wache Sinne entschlüsselbare Warnungen.

Auf seiner Vedute Der Rote Platz wirken die Kreml-Türme in einer totalen Sonnenfinsternis als apokalyptische Symbole. Seine Gliederpuppen-Bilder stellen das Fragwürdige schöner Illusionen und die Verlogenheit der von Werbung und Medien geprägten Scheinwelt aus. Und sein Ölgemälde Rückbau von 1995 zeigt den schonungslosen Abriss des DDR-Außenministeriums, bei dem auch seine großen Wandbilder nebenbei entsorgt wurden. Nicht alle diese Bilder sind hier zu sehen, aber die meisten von Ihnen werden sie kennen. Zahlreiche seiner Arbeiten hatten nach der Wende ein bitteres Schicksal; vieles verschwand in den Magazinen der Museen. Was wir voller Dankbarkeit hier sehen können, erinnert an ein Stück verlorene Heimat, an Vertrautes, an Eigenes, das wieder auffindbar wird. Solch ein Gefühl hat nichts mit Ostalgie zu tun, denn diese Kunst war Teil der Sozialisation mehrerer Generationen — und das kann man nicht einfach wegwischen. Die Bilder entstanden in Zeiten, die sich schieden und in denen — wie Carl von Ossietzky schrieb — »alles, was man bisher fest verankert glaubte, plötzlich von einem Strudel erfasst wurde und Zukünftiges mehr noch in der Ahnung lebte als in der organisierten Vernunft«.[1] Da war Haltung gefragt. Mancher ist nach 1989 vom Realisten zum »Avantgardisten« konvertiert. Die Starken — und dazu gehört Walter Womacka — sind sich treu geblieben, und in dem Maße, wie er sich weiter selbst behauptet, wächst auch heute sein Publikum.

Wenn man über Walter Womackas Kunst spricht, kommt man um einige Bemerkungen zum Problem des Schönen nicht herum. Schönheit entsteht in seinen Werken aus einer harmonischen Ordnung von Teilen: von Farben, Formen und weiteren Kompositionselementen, die er nutzt, ohne ein vom Leben abgehobener Ästhet zu sein. Das Erleben des Schönen setzt Bewegtheit in der Person voraus, sowohl beim Künstler als auch beim Betrachter. Heutige Kritik richtet sich oft gegen den Schönheitsbegriff überhaupt: Kunst habe nach dieser Auffassung substanziell zu sein; »hässlich« und »schön« seien keine Wertkategorien, sondern subjektive Anmutungsqualitäten. Im Werk z. B. von George Grosz trifft das durchaus zu. Der schöne Schein in der modernen Waren- und Werbeästhetik wird zu einem Instrument manipulierbarer Täuschungen. Und das ist der Punkt, an dem das Bekenntnis zur Schönheit in Walter Womackas Bildern leicht fällt. Er täuscht nicht, er fühlt ehrlich. Schönheit kommt bei seiner künstlerischen Arbeit tatsächlich von innen. Diese Einheit von Schönheit und Menschlichkeit bleibt, und er stellt sich damit trotzig gegen das, was früher und heute an Unrecht und Unmenschlichem in der Welt geschah und geschieht. Das ist das Credo seines Schaffens, seiner Welterfahrung und Weltsicht. Dabei tritt er bescheiden hinter sein Werk zurück.

Zum Schluss möchte ich Ihnen Walter Womackas Autobiographie Farbe bekennen nachdrücklich empfehlen. Für jeden, der sich für dieses Künstlerleben und dieses Werk interessiert, ist dieses Buch eine Fundgrube. Hier schrieb ein Mann in gelassener, selbstbewusster Weise, der nie die Bodenhaftung verlor und nicht seine Vergangenheit wie ein lästiges Hemd abstreifte. Möge Ihnen, liebe Besucher, das Erlebnis dieser Ausstellung in langer Erinnerung bleiben.

__________ 

1 Carl von Ossietzky, Schriften, Berlin und Weimar, 1966

 

Anmerkung der Redaktion:

Die Entwürfe zu den oben erwähnten Wandbildern im Gebäude des Außenministeriums der DDR finden Sie hier:

http://www.walter-womacka.de/bau/bau1/bau1.htm

 



 

   
  RuDi-Seite
   
 
Wichtiges zu
Walter Womacka
finden Sie hier:
walter-womacka.de
 
 

Am Strand. 1962

Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister

 

Verwundeter Stier.

1997

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
       
         

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